17.12.2020

„Unser Mittelstand ist der Jobmotor Deutschlands“

Ottobeuren. Der Allgäuer Bundestagsabgeordnete Stephan Stracke (CSU) traf sich Anfang November in Ottobeuren mit Karin Berger-Haggenmiller, Geschäftsführerin der Alois Berger Präzisionsdrehteile GmbH & Co. KG und CEO der Berger Holding GmbH & Co. KG in Memmingen. Er sprach mit ihr über die besonderen Herausforderungen, vor der die Berger Werke derzeit stehen.

Die Berger Gruppe ist einer der weltweit größten Hersteller von Präzisionsteilen und führenden Zulieferer für die Automobilindustrie mit derzeit mehr als 2.400 Mitarbeitern an elf Standorten in Deutschland, Polen, USA, Kanada und China. Die Firma Berger zählt zu einem der größten Arbeitgeber im Unterallgäu und Memmingen. Rund 80 Prozent des Gesamtumsatzes kommt aus dem Bereich der Automobilindustrie. Berger Bauteile finden sich in Pkws, in Nutzfahrzeugen, im Bereich der Lastenbeförderungen sowie in Baumaschinen und Aufbauten.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie seien in allen Werken der Berger Gruppe deutlich spürbar, berichtete Berger-Haggenmiller. Mit vollen Auftragsbüchern sei das Unternehmen in das Jahr 2020 gegangen. In der ersten Pandemiewelle im Frühjahr haben die Kunden von Berger nur noch einen Bruchteil der bestellten Ware abgerufen. So ging das Bestellvolumen, das im März noch bei 100 Prozent lag, in den Monaten April bis Juni auf nur noch 40 Prozent zurück. Hinzu komme, so die Geschäftsführerin, dass die Waren oftmals in so genannte Konsignationslager geliefert würden. Dies sind Lager, die sich in der Nähe des Kunden befinden. Die Ware bleibt bis zur Entnahme durch den Kunden Eigentum des Lieferanten und muss auch erst bei Entnahme bezahlt werden. Dadurch verlängert sich das Zahlungsziel entsprechend. „In der Realität bedeutet dies, dass Waren, die wir im März geliefert haben, oftmals erst jetzt bezahlt bekommen“, erläuterte Berger-Haggenmiller. In Verbindung mit den deutlich weniger abgerufenen Bestellungen in den Sommermonaten ergeben sich daraus große Herausforderungen für die Unternehmensgruppe. Seit August sei eine Verbesserung der Situation spürbar. „Für September bis derzeit Januar sind erneut die vollen Stückzahlen abgerufen worden. Das ist sehr erfreulich. Allerdings rechnen wir damit, dass es in den Monaten Februar bis April 2021 pandemiebedingt erneut Einbrüche geben wird“, so Berger-Haggenmiller.

Das Instrument der Kurzarbeit habe der Unternehmensgruppe sehr geholfen, führte die Geschäftsführerin weiter aus. Hoffnungsvoll sei, dass sich die Automobilindustrie durch das anziehende Chinageschäft wieder etwas erholt habe und die Firmengruppe nach fast fünf Monaten starker Kurzarbeit seit Oktober wieder voll produzieren könne. Die Entscheidung der Koalition, die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes und den erleichterten Zugang zur Kurzarbeit bis Ende des kommenden Jahres zu verlängern, begrüße sie ausdrücklich. „Das Kurzarbeitergeld ist eine wichtige Brücke für den Arbeitsmarkt und sichert Arbeitsplätze. Gerade der Maschinenbau, die Metall- und Elektroindustrie wie auch die Luft- und Raumfahrt stehen aufgrund der konjunkturellen Entwicklungen und der gegenwärtigen Pandemielage unter extremem Druck. Deshalb war es richtig, das Kurzarbeitergeld bis Ende 2021 fortzuführen“, betonte Stracke, der zugleich der arbeitsmarktpolitische Sprecher der CSU im Bundestag ist.

Corona habe auch den Alltag im Unternehmen verändert, teilte Berger-Haggenmiller mit. Wo möglich, seien Mitarbeiter ins Home Office geschickt worden. Teils habe man Abstände zwischen den Mitarbeitern in den Büros vergrößern, Mitarbeiter in andere Räume auslagern müssen. Besprechungen würden nun größtenteils digital über Videokonferenzen stattfinden. Mitarbeiter aus der Führungsebene hätten sogar für einen bestimmten Zeitraum auf zehn Prozent ihres Gehalts verzichtet, um die Verluste des Unternehmens ein Stück weit mitzutragen. „Wir haben großartige Leute. Unsere Mannschaft kämpft unglaublich engagiert mit uns“, lobte Berger-Haggenmiller ausdrücklich ihre Belegschaft. Trotz der derzeit schwierigen Lage setze Berger weiterhin auf qualifizierten Nachwuchs und bilde in der gleichen Intensität wie bisher aus. Zwölf Lehrlinge wurden im September zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres allein bei Berger in Ottobeuren aufgenommen. Insgesamt werden aktuell in den Berger Werken in Deutschland 120 junge Leute ausgebildet. 2020 haben 39 neue Azubis ihre Ausbildung bei Berger begonnen.

Mit Sorge sehe man bei Berger die einseitige Förderung der E-Mobilität, erklärte Berger-Haggenmiller. „Dabei wird häufig vergessen, dass ein E-Auto eine schlechtere Umweltbilanz hat als ein sauberer Diesel“, führte sie an. Mit Stracke war sie sich einig, dass es weiterhin eines technologieoffenen Ansatzes bedürfe. „Wir dürfen auch die Förderung synthetischer Kraftstoffe zum CO2-neutralen Einsatz in modernen Verbrennungsmotoren nicht aus den Augen verlieren“, so der Abgeordnete. "Wir müssen das schnell zu einem europäischen Projekt machen. Andernfalls drohe ein deutlicher Verlust an Wertschöpfung, Wohlstand und Arbeitsplätzen in Deutschland", machte Stracke deutlich.

Klimaschutz spiele in der Unternehmensgruppe eine große Rolle. Auf dem Weg zur CO2-neutralen Produktion werden derzeit bei Berger hohe Summen investiert. Allein für das Jahr 2021 seien 500.000 Euro dafür eingeplant. Das sei aufgrund der derzeitigen konjunkturellen Umfeldbedingungen alles andere als einfach. Um die eigene Wettbewerbsfähigkeit auch künftig zu sichern, habe man bereits 2019 ein eigenes Innovationsbüro in Kempten eröffnet. „Unser Team in Kempten beschäftigt sich unter anderem aktiv mit Trends und Prozessverbesserungen. Immer mit Blick auf die Marktentwicklungen untersuchen wir hier neue Ausrichtungen auf ihr Potenzial. Die gewonnenen Erkenntnisse tragen zum Ausbau unserer Produktpalette bei“, berichtete Berger-Haggenmiller. So fertige das Unternehmen bereits Drehteile für die Brennstoffzellentechnik und baue diesen Bereich aktuell weiter aus.

„Unternehmen wie Berger zeigen deutlich, dass der Mittelstand der Jobmotor Deutschlands ist. Wir müssen deshalb alles dafür tun, dass die mittelständischen Unternehmen, wo immer es geht, weiter entlastet werden“, so Stracke. Einig war er sich mit Berger-Haggenmiller in der Forderung nach weniger Bürokratie und einer umfassenden Unternehmenssteuerreform. „Wir brauchen jetzt Wachstumsimpulse und keine Debatten um weitere Steuererhöhungen, wie sie SPD und Grüne jetzt anzuzetteln versuchen. Es ist die Zeit zu investieren und zu entlasten. Nur so kann sich die Wirtschaft weiter erholen“, erklärte der Abgeordnete abschließend.

Mit Karin Berger-Haggenmiller tauschte sich Stephan Stracke Anfang November zu den Herausforderungen für den Mittelstand und zum Strukturwandel in der Automobilindustrie aus.

Mit Karin Berger-Haggenmiller tauschte sich Stephan Stracke Anfang November zu den Herausforderungen für den Mittelstand und zum Strukturwandel in der Automobilindustrie aus.