„Ein Schlag ins Gesicht“

Marktoberdorf/Berlin 80 Seiten umfasste der Bericht, den die Rentenkommission der Bundesregierung überreicht hat. Der Inhalt sorgte für Diskussion: Die Kommission empfiehlt darin, die abschlagsfreie „Rente mit 63“ abzuschaffen. Außerdem soll das Renteneintrittsalter schrittweise mit der Lebenserwartung steigen.

Noch am selben Tag setzte sich in Marktoberdorf Bernhard Haubelt an einen Brief: „Sehr geehrte Damen und Herren in der Bundesregierung“, schrieb er. „Mit großem Unverständnis verfolge ich die Diskussion über eine Abschaffung beziehungsweise weitere Einschränkung der abschlagsfreien Altersrente für langjährig Versicherte.“

Bernhard Haubelt ist 1963 geboren. Inzwischen hat er 48 Arbeitsjahre geleistet. „In meinem gesamten Berufsleben war ich keinen einzigen Tag arbeitslos“, schildert er. Wie viele seiner Generation habe er über Jahrzehnte hinweg Steuern gezahlt und Beiträge in die Sozialversicherungen eingezahlt. Und nun soll ausgerechnet seiner Generation die Möglichkeit genommen werden, die abschlagsfreie Rente in Anspruch zu nehmen? „Das empfinde ich als zutiefst ungerecht.“ Die sogenannte Boomer-Generation habe über mehr als vier Jahrzehnte zuverlässig gearbeitet und die Renten der älteren Generation finanziert. „Heute wird jedoch der Eindruck vermittelt, als seien wir das Problem des Rentensystems. Dabei haben wir die geltenden Regeln akzeptiert und unsere Lebensplanung darauf aufgebaut.“ Die Regeln dürften nicht kurz vor dem Renteneintritt zulasten derjenigen verändert werden, die ihr Arbeitsleben nahezu vollständig hinter sich haben, sagt Haubelt. „Wenn ich trotz meiner langen Beitragszeit mit 65 Jahren in Rente gehen müsste und dabei Rentenabschläge von über 14 Prozent hinnehmen soll, bedeutet das eine dauerhafte Rentenkürzung. Für viele Menschen ist das nicht nur finanziell belastend, sondern auch ein Schlag ins Gesicht.“

Diese Zeilen erreichten den Allgäuer Bundestagsabgeordneten Stephan Stracke (CSU). Wie steht er zur Rentenreform? Stracke beantwortet diese Frage ausführlich. So viel vorweg: Er zeigt Verständnis für die Sorgen von Menschen wie Haubelt. Gleichzeitig sieht er angesichts der demografischen Entwicklung Handlungsbedarf. Für Stracke liegt genau dort das Dilemma der Rentenpolitik. Einerseits hätten Menschen wie Haubelt ihre Lebensplanung auf die geltenden Regeln aufgebaut. Andererseits gerieten die Rentenfinanzen zunehmend unter Druck.