PPP-Erfahrungsbericht von Lea Staiger 2011

„Ach Lea, du warst doch jetzt erst in den USA, oder?“, diesen Satz bekam ich vor einem Jahr zu genüge zu hören. Weiter ging es dann meistens mit:“ Und, wie war's?“ Aber wie antwortet man auf diese Frage? Wie erzählt man 10 Monate von seinem Leben in denen für die meisten nur schwer nachvollziehbare Dinge geschahen. Dann kommt in den Sinn, wie viel will der Fragesteller eigentlich wissen? Kurz und knapp antworte ich meistens etwa so: „Es war gut, mein Austauschjahr.“ Wenn ich dann das Gefühl habe, mein Zuhörer ist immer noch interessiert, erzähle ich weiter: „Es war nicht immer so einfach wie man es sich vorstellt, aber ich habe definitiv viel für mein Leben gelernt. Außerdem war meine Gastfamilie einfach wunderbar.“

Auch für diesen Bericht habe ich mich gefragt, was ich eigentlich erzählen möchte. Was ist geschehen in diesen 10 Monaten? Was habe ich gelernt? Was will ich weitergeben? Jetzt sitze ich hier, the Current, meinen amerikanischen Lieblingsradiosender im Ohr und fünf vollgeschriebene Tagebücher über das Austauschjahr vor mir. Amerika-Feeling. Doch wo fange ich bei all den Erlebnissen an? Die Antwort auf solche Fragen ist immer, da wo alles begann, von vorne.

Amerika, ein Land voller Träume und Möglichkeiten... Bevor ich meine Reise startete hatte ich viele Bilder in meinem Kopf. Bilder von dem typischen „Ami“, wie er etwas gedrungen auf seiner Viehfarm steht, den Cowboyhut auf dem Kopf trägt und „Howdy!“ ruft. Das typische Bild vom Mittleren Westen, dem ich von meiner Austauschorganisation YFU zugeordnet wurde, oder etwa nicht? Dort würde ich bald einen Teil meines Lebens verbringen, irgendwo zwischen Kansas und Michigan. Als ich, zwei Wochen vor Abreise, den Brief bekam, dass für mich eine Gastfamilie in einer Stadt in Minnesota gefunden wurde, war ich fast gar verwundert. Es schien eine ganz normale Familie zu sein, Mutter teils Hausfrau, teils Deutschlehrerin an einer High School, Vater Computertechniker. Ich würde drei Schwestern haben, allerdings gingen zwei davon schon aufs College. Trotz der Informationen fühlte sich zu diesem Zeitpunkt immer noch alles sehr unwirklich für mich an. Ich glaube, ich habe bis zu dem Moment, als ich am Flughafen stand, nicht realisiert, was eigentlich auf mich zukommen würde. Doch da waren sie plötzlich, die Abschiedstränen, die Angst vor dem Neuen und das Bauchkribbeln vor einem Abenteuer. Ich weiß noch genau, im Flugzeug kamen mir auf einmal viele Zweifel. Damals schrieb ich in mein Tagebuch: „Bin ich nicht genug darauf vorbereitet? Ich fühle mich nicht mutig genug um das hin zu bekommen, einfach einsam in der Fremde.“ Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich mich durchbeißen musste. Es würde nicht immer einfach sein, vor allem nicht am Anfang, aber da musste ich durch. „Trotzdem will ich ja tolle neue Sachen erleben und ich weiß doch, dass der Anfang schwer ist... Ich muss eben Dinge tun, an denen ich wachse, auch wenn ich Angst davor habe.“ Das war meine kleine Anspornrede für mich selbst.

Am Flughafen in Minneapolis stellte ich sogleich fest, dass viele meiner Ängste unbegründet waren. Meine Gastfamilie war von der ersten Sekunde an super offen und nett zu mir. Sie gaben mir Halt, zeigten wahres Interesse und waren genauso aufgeregt mich bei ihnen zu haben, wie ich es war zu ihnen zu kommen. Ich weiß nicht warum, aber eine Szene habe ich noch genau im Kopf, die Fahrt im Auto. Ich sehe meinen Gastpapa im Fahrersitz, das Auto steuernd. Meine Gastmama hatte sich im Beifahrersitz umgedreht und schaute mich die ganze Fahrt über direkt an, meine Gastschwester, die Jüngste, saß neben mir. Die ganze Zeit, haben sie mit mir geredet und mir Fragen gestellt, doch niemals habe ich es als gezwungen oder nervig empfunden. In diesem Moment wusste ich, das ist eine wunderbare Familie, mit ihrer Hilfe werde ich es schaffen und ich werde die Gastfamilie nicht wechseln.

So kamen die ersten Wochen, das erste Abendessen mit meiner neuen Familie, die erste Nacht in meinem neuen Bett, die erste Reise in das Sommerhäuschen meiner Gastgroßeltern, der erste Schultag. Am Anfang war es wie Urlaub, alles aufregend und ich war gespannt auf jeden neuen Tag. Doch dann setzte langsam der Alltag ein. Jeden Tag Schule, von acht bis halb drei. Ich besuchte die Hopkins High School, eine Schule mit etwa 2000 Schülern, also mehr als doppelt so viele als mein gewohntes Gymnasium in Memmingen. Alle Schüler und Schülerinnen waren in den Jahrgangsstufen zehn, elf und zwölf, somit also fast gleich alt.

Zu Hause ging es weiter mit essen, Mails checken, sich mit der Gastfamilie über den Tag austauschen, essen, schlafen... Eine andere Frage, die mir oft gestellt wird, ist: „Hattest du Heimweh? Wahrscheinlich um Weihnachten, oder?“ Ich muss allerdings sagen, hauptsächlich habe ich Deutschland zu der Zeit vermisst, als ich schon eine kleine Weile in Amerika war. Der Alltag nahm langsam Einzug, ich war aber mit Sitten und Gewohnheiten noch nicht so vertraut, dass ich mich wohl fühlte. Damals habe ich mich oft danach gesehnt meiner besten Freundin einen spontanen Besuch abstatten zu können, mit ihr einen kleinen Spaziergang zu machen oder einfach nur mal wieder ganz vertraut reden zu können. Freunde zu finden ist auch eine von den großen Herausforderungen am Anfang. Man kommt in ein fremdes Land, ohne Halt und sucht nach Freunden, doch für alle Menschen dort ist das das normale Umfeld. Sie haben über Jahre soziale Netze aufgebaut und sind glücklich mit der Situation so wie sie ist. Da kann man als Neuling erst einmal wenig erreichen. Das braucht Zeit und Geduld.

Nun aber wieder zurück zu Weihnachten. Die Tage um den 24. waren so gefüllt mit Ereignissen, dass ich keine Zeit dafür hatte die gewohnte deutsche weihnachtliche Stimmung zu vermissen. Meine Gastfamilie hatte ihre eigenen Weihnachtstraditionen, in die sie mich voll mit einbezogen. Am 24. ging‘s zu den Eltern meiner Gastmama um dort zu feiern. Zu diesem Tag schrieb ich damals in mein Tagebuch: „Der Tag war eigentlich wirklich recht schön! Ich hab nicht so viel Heimweh gehabt wie sonst immer.“ Und auch der Morgen des 25., an dem man in Amerika die Geschenke bekommt, nachdem Santa Claus in der Nacht die Socken am Kamin gefüllt hat, war ein kleines Highlight meines Aufenthalts. Es wurde sogar an mich gedacht und so war meine Socke bis oben hin gefüllt. Abgerundet wurde der Tag mit der zweiten familiären Feier, aber dieses Mal bei der Schwester meines Gastpapas. Weihnachten war eines der ersten Familienfeste des Austauschjahres. Schnell wurde mir aber bewusst, dass diese einen wesentlichen Bestandteil meiner Erlebnisse darstellten. Nicht nur, weil die Familie bei vielen Gelegenheiten zusammen kam um gemeinsam zu feiern, sondern auch, weil mir klar wurde, dass so etwas nicht selbstverständlich ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass man ein fremdes Mädchen ohne großes Vorwissen einfach so in die Familie aufnimmt. Es ist nicht selbstverständlich, dass man sie in jede Situation integriert und es ist noch weniger selbstverständlich, dass es auch noch alle Familienmitglieder tun, von der fast gleichaltrigen Gastschwester über die liebe Omi bis hin zum kleinen Cousin. Doch genau das hat meine amerikanische Familie wunderbar hinbekommen. Sie gaben mir Halt vom Anfang bis zum Ende. Rachel, meine jüngste Gastschwester stellte mich all ihren Freunden vor. Mike, mein Gastpapa, half mir stets geduldig bei den Mathehausaufgaben. Debbi Jo, meine Gastmama, hatte immer ein offenes Ohr für meine Sorgen und mein Heimweh. Die Sicherheit in der Familie machte es immer einfacher für mich in der Fremde zu leben. Natürlich hatte ich Tage, in denen ich Deutschland stark vermisste, aber ich erkannte, dass das ganz normal und auch gut so war. Ich lernte das, was ich in Deutschland immer für selbstverständlich angenommen hatte mehr zu schätzen. Die anfangs so riesig wirkende Schule schien mir von Tag zu Tag kleiner zu werden. Täglich lernte ich neue Leute kennen und verstand mich besser mit den bereits Bekannten. An meiner Schule gab es außer mir noch weitere Austauschschüler, insgesamt waren wir 10. Auch mit ihnen verstand ich mich immer besser, obwohl wir alle unterschiedliche Freundeskreise hatten. So ging die Zeit schneller vorbei, als ich gedacht hätte. Auf den Dezember folgte der Januar, auf den Januar der Februar und dann war der Winter schon fast vorüber. Winter... Mir wurde von vielen Leuten gesagt, dass der Winter in Minnesota hart sei. Nicht ungewöhnlich wäre es, dass es bis zu minus zwanzig Grad Celsius kalt werde und der Schnee meterhoch stehe. Doch das Jahr 2011/12 musste wohl eine Ausnahme gewesen sein. Der Hügel, den ich mich wacker jeden zweiten Tag mit meinen Skiern runter kämpfte, musste mit Schneekanonen befahrbar gemacht werden. Nach langem Überlegen hatte ich mich nämlich entschlossen dem Alpine Ski Team beizutreten, auch wenn meine Pistenerfahrungen eher mäßig waren. Ich war nicht die Beste, doch es klappte und der Zusammenhalt der Gruppe mit sämtlichen Pasta Parties vor den Rennen bleibt unvergesslich. Amerikanische Schulen sind zu beneiden für ihr großes Angebot an Sportarten und anderen außerschulischen Aktivitäten. Es herrschte eine große Verbundenheit in den Teams und wenn eine Schulmannschaft, vor allem in Football oder Basketball, gegen eine andere Schule spielte, bekam sie Unterstützung von der ganzen Schule.

Ich trat also dem Skiteam bei und verbrachte so die meiste Zeit des Winters. Der anschließende Frühling ging allerdings auch ohne Skifahren schnell vorbei. Vormittags Schule und die Freizeit am Nachmittag bzw. an den Wochenenden füllte ich mit Briefe schreiben, Yoga mit meiner Gastmutter machen, andere Austauschschüler treffen, mit amerikanischen Freunden Filmabende starten…

Eines der herausstechenden Ereignisse zu dieser Zeit war der „Prom“. Viele werden nun wahrscheinlich an den typischen High School Abschlussball denken, Mädchen in knallbunten Bonbonkleidern und Jungs im Smoking auf einer Tanzfläche. Ich muss sagen, sehr viel anders war es auch nicht. Schon einen Monat vorher startete das sogenannte „Prama“, „Prom-Drama“. Wer geht mit wem zum Ball? Und was ist, wenn das Mädchen eigentlich gar nicht mit dem Jungen gehen will, der sie fragt? Wen lasse ich nur meine Haare machen und wen das Make-up? Gesprächsthema Nummer eins war, wer hatte nun wen zum Prom gefragt. Ich hatte schon die Befürchtung, dass ich ohne Begleitung gehen musste, doch da, eines Abends, als ich nichts ahnend auf dem Sofa saß, klingelte es plötzlich an der Tür. Komischerweise waren alle Familienmitglieder gerade außer Reichweite und ich hörte nur ein:“Lea, could you please open the door?“ von oben. Also ging ich um zu öffnen. Die Tür ging auf und ich sah einen Truck, einen Saxophon spielenden Jungen und dazu ein Schild auf dem „Prom?“ stand. Völlig perplex stand ich erst einmal da, bis Debbi Jo, Mike und Rachel zu mir nach draußen kamen und mich angrinsten. Sie hatten es also schon davor gewusst. Natürlich habe ich ja gesagt und so hatte ich also ein Promdate. Ich war sehr froh darüber wie es gelaufen war, denn Dylan, der Junge mit Saxophon und ich waren schon seit Anfang des Schuljahres zusammen in einer französisch Klasse und waren Freunde. Es konnte also ein entspannter Abend werden ohne, dass ich mir großartig Gedanken machen musste.Die Promnacht war letztlich wie ich sie mir vorgestellt hatte. Als eine kleine Gruppe gingen wir erst schick essen in einem Restaurant mit Lifemusik, dann gings zum eigentlichen Ball und schließlich gab es noch eine Afterparty bei einer Freundin. Alles natürlich in eleganter Abendgarderobe, sehr amerikanisch.

Natürlich gab es noch viele weitere bemerkenswerte Momente in meinem Austauschjahr. Vor allem gegen Ende schien mir die Zeit auszugehen. Ein Ereignis folgte dem anderen. Der Abgang von der High School, „Graduation“ einschließlich dem bekannten in die Luft werfen der Hütchen. Dann organisierte meine Gastfamilie eine Schulabschlussparty für Rachel und mich, als nächstes machte ich eine zweiwöchige Reise entlang der Westküste, organisiert von meiner Austauschorganisation. Die nächste Party folgte gleich darauf. Doch nun hieß es Abschied nehmen. Zehn Monate waren einfach so vorüber gegangen, ich hatte neue Menschen kennen gelernt, andere Meinungen gehört und ein zuvor unbekanntes s Leben gelebt. Zurück gehen war nun fast so schwer wie damals das Ankommen. Und wieder kamen in mir Unmengen an Gefühlen hoch. Angst, Abschiedsschmerz, riesige Vorfreude Familie und Freunde wieder zu sehen... Nach 3 Tagen Abschlussseminar für alle Stipendiaten des Parlamentarischen Patenschaft Programms in Washington und viel Zeit im Flugzeug war es so weit. Der erste Schritt auf deutschem Boden, Gepäck holen. Nur noch ein paar Meter trennten mich von meiner Familie. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als sich die Türen öffneten und ich die wartende Menge sah. Bevor ich irgendetwas realisieren konnte, hatte ich die Arme meiner Schwester um den Hals. Tränen vor Freude. Tränen meiner Mutter, Tränen meiner besten Freundin, Tränen von mir. Was für ein Jahr!

Nun ist seit meiner Rückkehr schon mehr als ein Jahr vergangen. Ich bin wieder voll in Deutschland angekommen, reise mit meinen Freundinnen durch Europa, gehe zur Schule und schreibe dieses Jahr das Abitur. Der Alltag nimmt also auch in meinem deutschen Zuhause seinen Lauf. Trotzdem denke ich noch oft an mein Austauschjahr. Ich schreibe meiner Gastmutter eine Email, skype mit einem Freund aus den USA oder ertappe mich einfach nur dabei wie ich sehnsüchtig Amerikabilder durchschaue. Viel habe ich aus diesem Jahr mitgenommen. Ich habe herausgefunden, wie es ist ohne die vertraute Familie und Freunde neu anzufangen, habe gelernt, dass ich es schaffen kann, sehe nun mein Heimatland und die Vereinigten Staaten mit anderen Augen. Die vielen Erinnerungen und die Bekanntschaften, die ich dort gemacht habe, werden mich für immer begleiten. Der Kontakt zu meiner Gastfamilie wird auf jeden Fall weiterhin bestehen bleiben. Sie haben mich bereits hier in Deutschland besucht und eines Tages werde auch ich wieder auf einen Besuch zurückkehren.

Ich bin froh, dass ich die Chance hatte durch das PPP ein Auslandsjahr zu machen und würde jedem raten das gleiche zu tun.

“Es war gut, mein Austauschjahr. Es war nicht immer so einfach wie man es sich vorstellt, aber ich habe definitiv viel für mein Leben gelernt.“

Meine jüngste Gastschwester Rachel und ich

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Die ganze Familie mit Oma und Opa, Tante und Onkel, Cousine und Cousin in ihrem Ferienhaus

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Prom: mit den männlichen Begleitungen der Gruppe

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