PPP-Erfahrungsbericht von Benedikt Leonhard 2010

Vor Beginn meines Jahres war die USA für mich ein Land, in dem übergewichtige Menschen leben und große Autos fahren; ein Land, in dem man Klatsch und Tratsch im Fernsehen mehr Aufmerksamkeit schenkt als der Tagespolitik - außer wenn es um die Erschießungen führender Terroristen geht. Ein Land, in dem manchmal noch sozialer Darwinismus herrscht und Leute sich nicht um den Klimawandel scheren, weil dessen Bekämpfung angeblich den Lebensstandard heruntersetzen würde oder das sowieso Propaganda sei, mit der man der Wirtschaft Amerikas schaden wolle.

Und in dieses Land zu fahren war ein großer Wunsch von mir, da es ebenso das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der unendlichen Freiheit - sowohl im politischen als auch im geografischen Sinn - und der Ursprung vieler deutschen Ideen und Ideale. Schon auf der Vorbereitungstagung in Berlin wurde mir klar, dass Deutschland und Amerika sich auf allen Ebenen gegenseitig im großen Maße beeinflussen. Und lernt man in Amerika nicht auch sein eigenes Land ein bisschen besser kennen?

Also reiste ich am 12. August 2010 nach East Aurora, New York, um eine fremde und auch irgendwie vertraute Kultur kennenzulernen, um die eigenen Englischkenntnisse aufzubessern, um amerikanische Freunde zu finden, um in einer Gastfamilie den amerikanischen Alltag zu leben, um Neues zu probieren und um einfach nur Spaß zu haben.

Und mit all diesen Erwartungen stieg ich aus dem Flugzeug und stürzte mich nach anfänglichen Schwierigkeiten (meist war es die Sprache) voll in mein neues Leben. Einer der ersten großen Dinge war der Beginn der Fußballsaison, wo ich die ersten „echten“ Amerikaner neben meiner Gastfamilie kennenlernte und auch schnell neue Freundschaften schloss. Bald begann auch die Schule und sofort ist mir die Hilfsbereitschaft der Amerikaner aufgefallen, wenn man mal den Weg zum Klassenzimmer nicht gefunden hat oder seinen neuen - doch anderen Stundenplan - nicht verstand. Dieser unterschied sich stark von meinem Stundenplan in Deutschland, da plötzlich Theater, Fotografie und Filmen auf der Tagesordnung stand und ich mich zwischen drei verschiedenen Mathematik-Kursen entscheiden musste. Am besten hat mir jedoch das Sportangebot am Nachmittag gefallen. Ich habe mit Fußball begonnen und habe am Ende des Jahres zum ersten Mal in meinem Leben mit Leichtathletik angefangen. Es ist toll, Mitglied eines Teams zu sein, vor allem weil es in Amerika sehr wichtig ist, dass man Teamgeist zeigt und sich gegenseitig hilft, um Erfolge zu sammeln. Ich hatte jeden Tag für über zwei Stunden Training und am Wochenende Wettkämpfe oder Spiele.

Die Jugendlichen in den Staaten unterscheiden sich sehr stark von den deutschen. In den USA ist man bis zum Ende der Highschool immer noch irgendwo ein Kind und wird auch dementsprechend behandelt: die Eltern wollen immer wissen wo man gerade ist, man darf die Schule während der Unterrichtszeit nicht verlassen und in der High School denkt man noch nicht einmal daran, ein Bier mit Freunden trinken zu gehen. Außerdem sind die Amerikaner sehr offen und lieben es neue Dinge zu lernen und sind sehr ehrgeizig. Ich habe mich in Amerika deswegen sehr wohl gefühlt, denn es gibt selten Vorverurteilungen und es ist einfach sich in eine schon bestehende Gemeinschaft einzugliedern. Man wird akzeptiert und respektiert. Schon nach wenigen Tagen hatte ich viele neue Freunde und die ganze Schule kannte die Austauschschüler. Da fast alle meine Freunde schon den Führerschein und manche sogar ein eigenes Auto hatten, war es kein Problem spontan ins Kino, zum Eisessen, zum Golfen oder zum Shoppen zu gehen. Hier sind die Jugendlichen in den USA weitaus unabhängiger und spontaner.

Das familiäre Umfeld unterschied sich nicht ganz so stark von dem was ich von Deutschland gewöhnt war, außer dass es oft ein wenig oberflächlicher zugeht. Verständlicherweise wird man als Austauschschüler nie ein vollwertiges Familienmitglied, aber es hat mich überrascht wie viel Mühe sich vor allem meine Gasteltern gaben, dass ich mich wohl fühle. Natürlich hat man auch als Austauschschüler häuslichen Pflichten und muss die Küche saugen, seine Wäsche waschen, etc.

Allerdings hatte ich natürlich auch nicht so gute Erfahrungen in den USA. Da ist zum einen die fehlende politische Erziehung in der Schule und durch die Eltern. Das führt dazu, dass viele Amerikaner auch noch im erwachsenen Alter kaum Ahnung von Tagespolitik haben, was mich als politisch interessierten Menschen oft sehr geärgert hat. Ich hatte zum Beispiel oft Diskussionen mit Leuten, die nicht an den Klimawandel geglaubt haben oder ihn einfach ignoriert haben - diese Ignoranz hat mich wütend gemacht.

Des Weiteren ist das amerikanische Schulsystem kaum mit dem Deutschen zu vergleichen. Die Idee Theater, Fotografie, Filmen und andere ähnliche Zusatzfächer fest in den Stundenplan zu integrieren hat mir sehr gefallen. Allerdings sind die übrigen Fächer wie Geschichte, Englisch, Mathematik, Chemie, etc. sehr schlecht unterrichtet, da die Lehrer reinen Frontalunterricht praktizieren. Man sitzt im Klassenzimmer, bekommt ein Arbeitsblatt und der Lehrer erklärt das jeweilige Thema. Gruppenarbeiten und vor allem Diskussionen sind meiner Meinung nach sehr wichtig, werden in der USA aber kaum durchgeführt.

Alles in allem hat mich das Jahr in den USA sehr verändert, auch wenn ich es oft nicht selbst bemerke, sondern die Leute um mich herum. Ich spreche jetzt ein sehr gutes Englisch und habe viele neue Vorlieben (besonders für amerikanisches Essen und die amerikanische Politik) und Hobbys. Am wichtigsten für mich sind aber die vielen neuen Freunde und meine zweite Familie. Ich habe jetzt ein neues Zuhause in 6400 Kilometer Entfernung und in bin nun halb Amerikaner und halb Deutscher. Ich werde auf jeden Fall wieder in die USA fliegen und dort vielleicht sogar studieren. Wenn Leute mich fragen, ob ich noch einmal ein Jahr in East Aurora verbringen würde, sage ich, dass das eine dumme Frage ist - natürlich würde ich! Den Leuten, die noch überlegen, ob sie ins Ausland gehen wollen, rate ich: Macht es, wo auch immer ihr hinwollt.

Letztenendes möchte ich mich von ganzem Herzen beim Deutschen Bundestag, beim amerikanischen Kongress, bei Herrn Stracke, bei meiner Austauschorganisation YFU (Youth For Understanding), meinen beiden Familien und meinen Freunden und bedanken. Ihr habt mir das größte Geschenk gemacht, dass ich mir vorstellen kann!

Benedikt Leonhard vor dem Capitol in Washington

Benedikt Leonhard vor dem Capitol in Washington

Benedikt Leonhard mit seinem Vorgänger

Benedikt Leonhard mit seinem Vorgänger

Benedikt Leonhard mit seiner Gastfamilie

Benedikt Leonhard mit seiner Gastfamilie